Wir möchten uns recht herzlich bei Hans Friedrich Engel bedanken, der uns ein umfangreiches 

Material zur Verfügung gestellt hat. Auf dieser Seite bringen wir ein paar Auszüge:





Hochseefischer Hans F. Engel erinnert sich...










BBS-Dwasieden




Unser Lehrlingswohnheim war kasernenmäßig aufgezogen. Mit Wecken, Stubendienst und

Wache an der Eingangstür. Im oberen Stockwerk wohnten Mädchen, die Lehrlinge der Fisch-

konservenfabrik waren und es war uns streng verboten in diese Etage zu gehen. Nachts

bewachte eine ältere Frau die Treppe. Das Essen nahmen die Mädchen getrennt von uns ein



Hinter dem Wohnheim lag parallel dazu die Berufsschule. Im Erdgeschoß wurde uns 

Navigation, Motorenkunde, Biologie, und Limnologie (Biologie der im Wasser vorkommenden 

Lebewesen), Fachrechnen, Mathematik, Deutsch, und Physik beigebracht. 






Im ersten Lehrjahr hatten wir fünf Wochen Unterricht, fünf Wochen Netzboden und fünf

Wochen Bordeinsatz auf den Fischkuttern der Flotte. Im zweiten Lehrjahr fiel der Netzboden

weg, dann konnten alle Netze stricken, Knoten und Spleißen, Taue innig miteinander zu

verbinden. Praktische Seemannschaft erfuhren wir ganz intensiv im Bordeinsatz und 

besonders auf dem Lehrkutter SAS 200 "Neues Deutschland".





Netzboden



Die Flotte bestand aus 17-Meter, 24-Meter Kuttern und dem 32-Meter Lehrkutter "Neues

Deutschland". In jedem Lehrjahr hatten wir einmal Bordeinsatz auf diesem besonderen Lehrkutter. Zur praktischen Seemannschaft gehörte das Pullen eines Brandungsbootes. Auf jeder Seite saßen vier Mann. Jeder hatte einen langen Riemen mit beiden Händen gefasst und im Takt: Eins, Zweiiiii, Drei wurde gepullt. Der Steuermann an der Pinne gab Kommandos, in dem er mit einem Holz auf die Ducht (Sitzbank) klopfte. Auch lernten wir mit dem Brandungsboot das Segeln.

Als es uns einmal langweilig war, gingen wir in den Hafen und ruderten los. Der Zoll

und die Hafenpolizei müssen geschlafen haben und so ging es in Sichtweite der Küste nach

Göhren. Natürlich hatte dieser Ausflug Folgen und nach Rückkehr mussten wir gleich zum

Schulleiter. Er drückte laut seinen Unwillen über unser Verhalten und Unternehmen aus und

zählte auf, was wir alles unterlassen hatten. Sprach von Anker, Kompass und Schwimmwes-

ten und zum Schluss fragte er noch, was wir uns dabei gedacht hätten? Diese Frage, nahmen

wir an, war nicht ernst gemeint, also schwiegen wir.


Auf dem Lehrkutter waren wir 16 Lehrlinge und wurden in vier Wachen eingeteilt. Jede Wache

hatte eine enge Kammer. Jeweils vier Lehrlinge bildeten eine Wache, die vier Stunden ging. An der Schiffsglocke wurden die Glasen angeschlagen. Danach richtete sich alles an Bord. Ein

Glasen war eine halbe Stunde, acht Glasen waren vier Stunden und bedeuteten Wachbeginn

für die nächste Wache. Wenn der Bootsmann pfiff und wir an Deck mussten, dann konnte nur

einer hinter dem anderen den Gang aus den Kabinen begehen. Der Letzte, der aus dem 

Niedergang an Deck erschien, erhielt von dem Bootsmann einen Tritt in den Hintern. Trotzdem war der Bootsmann ein Guter - ließ mich einmal aus seinem Tabaksbeutel eine

Zigarette drehen.

 

 


Der Lehrkutter SAS 200 "Neues Deutschland"





Auf dem Lehrkutter hatte die eine Wache immer Unterricht, d.h. Navigation und Karten-

kunde, sowie Ausbildung am Sextanten und war für die "Backschaft" zuständig. In der Messe

wurden dazu nach dem Unterricht an den "Backen" (Tischen) die Schlingerleisten hochge-

klappt und die Schüsseln und Löffel für 12 Mann klargemacht. Die Messe lag achtern, quer im Schiff. Hier war es bei stürmischen Wetter, beim "Backen" und "Banken", wie auf einer Wippe,

wenn der Achtersteven sich hob und senkte oder einmal nach Backbord und das andere Mal

nach Steuerbord ausholte.

An einen recht schönen Tag wurde den weiblichen Lehrlingen der Fischverarbeitung ein Ausflug in Richtung Hiddensee genehmigt. Auf der Rückfahrt kam Wind auf, die See wurde

kabbelig, der Lehrkutter bewegte sich und die Mägen der Mädchen ebenfalls. Ich sollte Schwimmwesten in die Messe bringen. Als ich die Tür öffnete und eintrat, stand ich in er-

brochener Erbsensuppe. Die Mädchen saßen oder lagen apathisch im Raum herum. Die Luft war zum Schneiden. Ich riss erst einmal alle Bulleys auf, holte dann Hilfe und wir beseitigten

den Schweinkram. Wir wussten ja selbst, wie sich so etwas anfühlt.


Der Dienst auf den Produktionskuttern brachte viele dazu, die Lehreabzubrechen. Ange-

fangen hatten wir mit über hundert Schülern. Nach zwei Jahren traten nur noch fünfund-

zwanzig zur Prüfung an, wovon einer durchfiel. Zwei übten den Beruf nicht aus, sondern

begannen eine zweite Lehre.




24-Meter Kutter



Zu meinem ersten Bordeinsatz wurde ich auf einen 24-Meter Kutter geschickt. Man gab mir

Stiefel und Ölzeug, zeigte mir meine Koje in der eine Matratze und eine dünne Decke zum

Zudecken lagen. wir liefen bei Dunkelwerden aus. Ich stand im Ruderhaus und sollte das

Bedienen des Ruderrads und das Kurshalten nach dem Kompass lernen. Kaum hatten wir den

Molenkopf an Backbord passiert, kamen wir in rauhe See. Alles fing an sich zu bewegen und

zu schaukeln und nach kurzer Zeit hing ich über der Reling und "reiherte" wie es hieß. Ich blieb die Nacht über an Deck. Das war einer meiner schlimmsten Nächte.


Auf den Fischkuttern war das Arbeiten im Winter hart. Das Logis war kalt. Die dünne Decke in der Koje wärmte nicht. Der Rollkragen-Pullover ebenfalls nicht, denn er wurde "Deutscher Wald" genannt und man munkelte, er sei mit Holzwolle gestrickt. Er wurde immer länger und weiter. Die Arbeit an Deck war nass und kalt. Die Hände waren verhornt und aufgeplatzt. Die Netze wurden per Hand eingeholt und die ersten Griffe ins nasse, salzige Netz mit den aufgeplatzten Händen trieben einem die Tränen in die Augen. Wenn die Hände durch das Wasser weich geworden waren, ging es.


Die Zeese wurde immer dicht über Grund gezogen. Gefischt wurde meistens auf Seebänken, das heißt flachen Stellen in der Ostsee, wie Adlergrund, Oderbank oder Mittelbank. Beim 

Einholen der Netze standen wir zu Dritt an der Reling. Der Kutter musste dwars (quer) zum

Wellengang liegen, damit das Schiff von der Zeese wegtrieb und das Netz nicht in die Schraube geriet.

Wenn der Steert mit dem Fisch darin längsseits lag, wurde er mit einer Talje an Bord gehievt. Der Slip-Knoten, der den Steert zuhält, wurde mit einem Ruck gelöst und der Fisch entlud sich an Deck. Der Steert wurde sofort wieder geschlossen und das Netz erneut ausgesetzt. Zwei Stunden wurde geschleppt. In dieser Zeit musste der Fisch verarbeitet und unter Deck im Eis sein.

Der gefangene Hering wurden in Kisten nach Größe in Einser, Zweier und Dreier sortiert und im Laderaum mit einer Schaufel Eis beworfen. Wenn, besonders in der kalten Jahreszeit Dorsch gefangen wurde, musste der vor dem Sortieren ausgenommen und von seinem Kopf befreit werden. Die Dorschköpfe wurden in Kisten verpackt und Backbord neben dem Ruderhaus gestapelt. Daraus wurde an Land Fischmehl hergestellt. Das Kopf abhacken war problemlos, bei Seegang aber fast akrobatisch. Zum Köpfen standen ein Holzklotz und natürlich ein Beil zur Verfügung. Man saß dabei auf dem Lukendeckel.

Irgendwann nahte die Abschlussprüfung und damit das Ende der Lehrzeit. Als ausgelernter

Hochseefischer erhielt ich durch die Einsatzleitung einen Platz auf einen 17-Meter Kutter.

Alles fühlte sich gut an, ich verdiente Geld und konnte mir ein paar Sachen kaufen. Mit nicht einmal 18 Jahren war ich auf einem guten Kurs ins Leben. 


Im Januar 1955 fischten wir Dorsch auf der Oderbank. Die Mannschaft bestand aus dem jungen Schiffsführer, dem Maschinisten und mir. Es war kalt. Als es nach einigen Tagen stürmisch wurde, dachten wir uns nichts dabei und fischten weiter. Als die Anzeige am Barometer "in den Keller fiel", die See rauer wurde, holten wir das Netz ein. Der Kompass und das Barometer waren die Hilfsmittel, die uns zur Verfügung standen. Radio und Funk hatten wir nicht an Bord.

Wir drehten den Kutter in den Wind, in der Absicht den aufkommenden Sturm abzureiten. So, wie es immer gemacht wurde, wenn man sich nicht "unter Land legen" konnte. Die nächste Küste war zu weit entfernt. Wir befestigten den Lukendeckel des Fischraums, damit der nicht von der überkommenden See fortgetragen werden konnte und spannten ein Strecktau vom Ruderhaus zum Niedergang ins Logis, um beim Wachwechsel sicher zum Ruderhaus zu gelangen. Dann hielten wir das Schiff mit kleiner Fahrt auf Position. Wenn der Sturm vorüber war, wollten wir hier weiter fischen.

Ich hatte Freiwache. Ich lag in der Koje durch die hölzerne Bordwand nur Zweifingerbreit von der eisigen, aufgewühlten See entfernt. Mit den Knien, dem Gesäß, den Armen und den Schultern fest in der Koje verkeilt, lag ich da und versuchte ein bisschen auszuruhen. Ich wurde in meiner Koje hoch und runter und zur Seite gehoben und geschoben. Der Körper reagierte im Halbschlaf automatisch darauf.

Ich muss dann doch eingeschlafen sein, denn plötzlich hörte ich das Typhon, was ungewöhnlich war. Als ich den Kopf aus dem Niedergang steckte, blickte ich in einen Schneesturm. Der Sturm war plötzlich so stark geworden, dass wir von der Oderbank runter mussten und nun gegen die hoch auflaufende See versuchten, Fahrt voraus zu machen.

Der Mann am Ruder hatte die schwerste Aufgabe. Die Ostsee ist ein relativ flaches Randmeer. Die Wellen laufen hier zu Bergen auf und wer am Ruder stand, musste darauf achten, den Bug gegen den Wellenberg zu steuern. Hielt er daneben, könnten wir kentern. Die Nordsee hat lange Wellen und der Atlantik noch längere Wellen. Da sie tieferes Wasser haben, kann man den Sturm leichter abreiten. 

Mit der Zeit belegte die See alles an Deck mit einer immer dicker werdenden Eisschicht und das Wasser im Schiff stieg. Mit dem Wasser im Bauch und belastet mit dem Eispanzer wurden die Bewegungen des Kutters immer träger. Unser kleines Schiff kämpfte tapfer um sein Leben, fuhr tapfer in das Wellental, quälte sich die Wasserwand hoch und zeigte oben auf dem Wellenberg immer wieder Flagge. Noch sind wir nicht geschlagen.

Wir erblickten, weit entfernt an Backbord die Küste. Also hatte sich die ganze Anstrengung doch gelohnt. Nur, wo hatten wir die Küste erreicht? Unter Land konnten wir uns hier nicht legen. Der Sturm wehte schräg von Steuerbord an der Küste entlang - aber ein bisschen half es doch. Denn es war wie ein Wunder: An backbord voraus erkannten wir, noch undeutlich, eine kleine Mole und als wir näher kamen, sahen wir winkende Menschen darauf stehen, die mit den Händen auf uns zeigten. Wir waren nicht mehr aufnahmefähig. Wir wollten den Molenkopf umrunden - etwas anderes konnten wir nicht mehr begreifen.

Die Wellenhöhe hatte abgenommen. Als wir uns dem Molenkopf näherten, verließ ich vorsichtig das Ruderhaus und begriff in dem Moment, als der Kutter plötzlich in einem Wellental aufsetzte, auf dem Kiel stand und nach Steuerbord kippte, was sie uns sagen wollten. Ich fiel und konnte mich gerade noch am Davit, an dem das Scherbrett befestigt war, festklammern sonst wäre ich hier, so kurz vor dem rettenden Hafen, umgekommen.

Zum Glück hob uns die nächste Welle wieder hoch und warf uns nach Backbord in das tiefere Fahrwasser. War das ein Schreck! Die Menschen hatten uns auf die flache Stelle neben der Einfahrt hinweisen wollen. So kurz vor dem Ziel (Hafen von Wladyslawowo), hätte es ein böses Ende nehmen können. Wie wir erfuhren, herrschten an diesem Tag Minus 20 Grad Celsius. Es war, als hätte uns die See ausgespuckt. Sie war satt. Später hörten wir, dass einige Fischer nicht so viel Glück hatten.

Der Sturm ließ nach und wir verließen zwei Tage später W.. Als wir danach bei sonnigen Wetter in Sassnitz einliefen, lagen wir schon wieder tief im Wasser. Die Fischer im Hafen, hatten nicht mehr mit uns gerechnet


Einen Monat später später im Mai, war die Hochsaison für Heringe. Wir liefen um 2 Uhr in der Nacht aus und erreichten gegen 10 Uhr das Fanggebiet. Es wurde in dieser Zeit so gefischt, dass zwei Kutter die Zeese schleppten. Damit zogen wir das Netz mit höherer Geschwindig-

keit durch das Wasser und die Ausbeute war höher.

Ein Fischer des "Magger", wie der zweite 17-Meter Kutter genannt wurde, war jetzt bei uns an Bord. Schiffsführer und Maschinist blieben drüben. Wenn die Zeese ausgesetzt werden sollte, machten wir eine Wurfleine mit Wurfknoten klar. Der "Magger" fuhr mit kleiner Fahrt an Steuerbord an uns vorbei. Er konnte bei dem Seegang nicht dichter kommen. Ich versuchte die Leine so zu werfen, dass der Wurfknoten das geöffnete Fenster des Ruderhauses traf. Es gelang nicht immer. Der Maschinist stand bereit die Wurfleine in Empfang zu nehmen. Der Sinn dieser Aktion war, dass der andere Kutter mit unserem vorderen Scherbrett verbunden werden und dieser schleppen musste. Es wurde dann zugerufen mit wie viel Meter Draht geschleppt werden sollte. Wenn das Netz aufgenommen werden sollte, kam die Wurfleine und danach unser Scherbrett zu uns zurück. Das Einholen des Netzes ging jetzt schneller, weil der Fischer von dem anderen Kutter bei uns mithalf. Am späten Nachmittag liefen wir in Richtung Sassnitz.

 

Es war von der Kombinatsleitung beabsichtigt, die jungen, ausgebildeten Hochseefischer zu Schiffsführern für die Kutter der Flotte heranzuziehen. Jetzt waren wir noch zu jung, brauchten noch Fahrenszeit. Nach vier Jahren Fahrenszeit würden wir eine nautische Ausbildung auf der Seefahrtsschule in Wustrow erhalten und dort ein "Patent" erwerben, was zum Führen eines Kutters berechtigte.

Das war der vorgesehene Weg den ich anstrebte, Schiffsführer und Kapitän eines Kutters oder Loggers zu werden. Dann würde ich eine Wohnung zugewiesen bekommen und Rita fragen, ob sie mich heiraten möchte. Mehr wollte ich nicht im Leben und das war nicht zu hoch gegriffen. Ich war mit Leib und Seele Fischer. Auch heute würde ich diesen Beruf jedem anderen vorziehen

Das Schicksal steckte für mein Lebensschiff aber einen anderen Kurs. Man erklärte mir eines Tages, dass ich auserwählt worden wäre, den Ehrendienst in der kasernierten Volkspolizei

zu leisten, um mit der Waffe in der Hand die Errungenschaften der DDR, vor dem Feinden

im Westen zu verteidigen. Gegen diese Entscheidung versuchte ich mich zu wehren, was aber erfolglos blieb und es sollte noch etwas schlimmer werden.

Ich wurde in die Einsatzleitung bestellt und erhielt dort meine schriftliche Entlassung, mit sofortiger Wirkung  auf der stand, das ich "Wegen Arbeitskräftemangel in der Landwirtschaft

für die Landwirtschaft freigestellt wurde".

Ich musste das erst einmal verarbeiten und sprach mit Kollegen darüber. Einer meinte:

"Geh hin und bring es hinter dich"! Das waren zwei verlorene Jahre Fahrenszeit. Das wollte

ich nicht! Die älteren Fischer schüttelten den Kopf und sagten:"Erst bilden sie euch aus und

dann entlassen sie euch. Das verstehe wer will"!

Mir war hundeelend zu Mute, als ich meine Sachen packte, von Bord ging und mein schönes Zimmer im Seemannsheim räumte. Ich fuhr nach Neukloster und versuchte in Wismar, bei privaten Fischer, Arbeit zu bekommen. Als sie meine Papiere sahen, winkten sie ab.

Mir war klar, dass die logische Folge darin bestand, in den Westen zu fliehen. Hier hatte ich keine Zukunft als Fischer mehr. Die DDR zu verlassen, war strafbar, also musste ich heimlich

verschwinden.


Ein paar Wochen später landete ich in Bremen-Vegesack und lief mit dem Logger BV67 "Fasan" in Richtung Nordsee zum Fischen aus. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.





 














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